Keep Music Progressive

by Camp Hansen

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Liner Notes:

Es war von vornherein klar, daß Holger Hansen nach seinem Solo-Debüt "Grün-Orange" Zeit verstreichen lassen mußte, bevor er an einen Nachfolger denken konnte.

So steht denn nach zweijähriger Pause "keep music progressive" ins Haus. Dabei nicht von Holger, sondern von Camp Hansen. Schon durch dieses äußere Zeichen wird klar, daß die eisige Distanz zur Außenwelt, die das zerklüftete "Grün-Orange" kennzeichnete, aufgebrochen wurde. Dabei stehen mit Wenzel von Wartholm und Ray Nottinger zwei Herren mit im Camp, die an der Entstehung des vorangegangenen Tonträger ebenfalls massiv mitwirkten.

Doch läßt sich nicht bestreiten, daß hier musikalisch ebenfalls ein Schritt in Richtung eines "Bandsounds" gemacht wurde, der auf dem Vorgänger nie denkbar gewesen wäre, liefen doch dort Text und Musik beinahe zwangsläufig wie Fremde nebeneinander in Richtung Untergang.

Einen Fingerzeig auf die jetzt abgeschlossene musikalische Entwicklung gab es derweil in zwei Variationen: Zum einen wurde im Sommer 2003 bereits der Opener "Letzte Ausfahrt Jammertal" auf dem Musenhain-Sampler "extra 002" veröffentlicht, was durchgehend positive Resonanz nach sich zog (und den Künstler leicht verunsicherte). Zum anderen ließ sich der öffentlichkeitssfaule Namesgeber des Camp Hansen bei seinem bis jetzt einzigen, post-"Grün-Orange"-n Auftritt nicht lumpen und konterkarierte weite Teile dieser Platte bis zur Unkenntlichkeit (u.a. der nicht ganz gelungene Versuch mit dem Publikum zu lautem Hiphopbeat das Drama "unten" live als archaischen Call-and-Response-Blues aufzuführen). Hier hielt unvermutet der Faktor Humor Einzug ins Schaffen von Herrn Hansen. Und überraschenderweise blieb er.

Es kommt jedoch nun nicht zur reinen Comedy-Show, obwohl dieser Eindruck möglicherweise den gestählten Hansen-Conniseur befallen sollte. So ist beispielsweise "Letzte Ausfahrt Jammertal" alleine von textlicher Seite ein krimineller Beutezug durch William Burroughs' "naked lunch", Jean Genets "Querelle" und die zeitgenössische Befindlichkeit bundesrepublikanischer Meinungsführer. Um es kurz zu fassen: Eine Frechheit mit Ohrwurmcharakter.

Was von "Mengenkrise" ebenfalls gesagt werden könnte, geht doch dieses lästerliche Stück mit den nicht leugbaren Existenzproblemen einer Menge Menschen hausieren und bedient sich dazu lächerlicher Worte: "Zuviele Männer, zuviele Frauen". Wie schon auf dem Vorgänger läßt Hansen gerne seine Hörer im Regen des "Hilfe, ich habe eine eigene Meinung finden müssen" hängen. Gut nur, daß es jetzt Melodie, Rhythmus und Hooklines gibt...

Die beiden folgenden Stücke bilden einen feinen Kontrast zwischen Persiflage und Ernsthaftigkeit. "Autorenmusik" geht mit einer ungeahnten Harmonie einher, die watteweich daherschwebt, dabei von einer dreisten Radioverunglimpfung eingeläutet wird. "Mitte der Welt" reizt nach dieserBeruhigung auch nicht zum lachen, sondern erzählt vom Finden eben der angesprochenen Mitte. Ein starker und trotz fehlender musikalischer Begleitung intensiver Fokus dieser Platte, in welchem Holger Hansen Farbe bekennt und der persönlichen Wahrheit freien Lauf läßt.

Diese bleibt auch in "weitere Stimmen im Meinungskonzert" bestehen, denn Hansen gibt sich hier in einer seiner Lieblingsrollen: Prediger. Doch imposant ist die Arbeit der Musiker, die dieses kalte, neblig-rumpelnde Agitationstheater in einen positiven Chor der Befreiung umkehren. Gospel kommt einem in den Sinn, doch wird dies lachhaft verworfen, bevor dem Rezipienten einfällt, daß es sich hier um blasse Mitteleuropäer handelt. Also doch: bleichgesichtiger Gospel.

Wer den alten Hansen nicht mehr wiederzufinden fürchtete, dem werden "Intermission" und "die Strassen von Sankt" die Ohren wärmen. Universell unverständliche, emotionelle Kriminellenmusik, die gerne das Blut der anderen verschüttet. Der Mann hat seine Aggressionen noch nicht völlig verloren.

Das Leid der Mitmenschen bleibt denn auch Thema in "Tragödie" und dem die Platte zur Strecke bringende "Niflheim", wobei sich diese Stücke überraschenderweise textlich jegliche Uneindeutigkeit vermeiden und ohne viel Federlesens auf den Punkt kommen. Hansen strebt im Abschlußstück nebenher den Beweis an, daß Modernität in der Substanz nie existierte. Ein gewagtes Unterfangen.

Die Progressivität der Musik ist eine Sache, und wird mit Sicherheit kontrovers diskutiert werden. Die Progressivität als Lebensführung? Ist letztenendes eher das Ziel, das umwunden vom Titel ausgegeben wird.

Kritiken:
Holger Hansen, the man behind Camp Hansen, has already gathered a reputation for playing unconventional music. The songs on his first CD Grün Orange were not always easy listening for most ears. Although the music on Keep Music Progressive is a bit easier, it's still very complicated and experimental. Although the album has an English title, all songs are in German. You shouldn't expect harmonic vocal lines, but Holger Hansen, who says about himself that he can't sing, prefers to use spoken words. Sometimes they are very rhythmic (Mitte der Welt), but he also at times sounds like a TV news speaker (Tragödie) and on one song, he's as aggressive and enthusiastic as a former Wochenschausprecher (Weitere Stimmen im Meinungskonzert). A very important fact is that the words are always clear and understandable, and listening to his intellectual phrases is very entertaining. The music itself may be described as synthetic pop, if not compatible with a mainstream audience. Even if Letzte Ausfahrt Jammertal is very catchy, other song structures are much stranger or so repetitive that they create a hypnotic effect. It doesn't matter if you appreciate what Holger Hansen does or not, you cannot deny that he's a very creative artist. Not everyone will like it, but those who do will adore it (disagreement.net)

Holger Hansen steht für das Unkonventionelle, "Keep Music Progressive" ist demnach auch keine "Schallplatte" der herkömmlichen Art, sondern eine vertonte Installation, die dem Verstand des Hörers weder Antworten vorheuchelt oder -schlimmer noch- trügerische Sicherheiten vorgaukelt. "Keep Music Progressive" ist ein musikalisches Hörspiel-oder wie ihr Urheber belustigt-grinsend formuliert: "Eine Frechheit mit Ohrwurmcharakter!"

Es sind lediglich Versatzstücke, welche die Bewohner des Camp Hansen da zu einander bringen, scheinbar zusammenhanglos und wirr. Doch das alles ist Kalkül. Hansen führt seine Hörer behutsam und mit wenig spektakulärer Zurückhaltung aus dem Labyrinth der formatierten Musik-Berieselung und provoziert damit eine unwohlige Ratlosigkeit: "Hilfe, ich habe eine eigene Meinung finden müssen!"
Wie diese Meinung am Ende ausschaut, darüber darf spekuliert werden-zumindest diejenigen, die die Worte "Musik" und "Geld" in einen kausalen Zusammenhang bringen, werden sich chancenlos abzuwenden haben, denn dieses, vermeintlich selig machende Gut wird mit "Keep Music Progressive" nur schwer zu ergattern sein.

Überhaupt: Wer nur den Versuch wagt, diese Polit-Platte aus Sprechgesang und unterkühlten, verqueren Elektronika mit der gewohnten Musikzeitschriften-Ratio zu erfassen, wird scheitern. An poppiger Stelle versteckt und doch verklausuliert liefert Urheber Holger Hansen seinen Hörern aber gleich seine Gebrauchanweisung mit: "Tanzen ist die Antwort. Schüttelt Eure Lasten ab!" (-tz)
(virtualrock.de)

"Keep Music Progressive" - wer von uns würde diese Forderung nicht unterstützen? Aber Vorsicht, denn das so betitelte, reichlich kurze Debüt des Trios Camp Hansen warnt andererseits im Beiheft: "Auf diesem Tonträger ist keinerlei Progressivität vorhanden".
Auf jeden Fall ist die Musik der drei nicht leicht zu kategorisieren. Holger Hansen trägt teilweise recht skurrile Texte vor (meist gesprochen), die häufig nur von minimalistischer Musik begleitet werden. Der Charakter der Musik, die meist eine starke elektronische Komponente hat, verändert sich dabei im Laufe des Albums zusehends.
Nach einem kurzen Prolog beginnt erst mal recht beschwingt. Titel wie "Letzte Ausfahrt Jammertal" oder "Mengenkrise" sind schon fast poppig zu nennen, dabei stets mit einer gewissen ironischen Note versehen.
Mit "Autorenmusik" ändert sich das. Zunächst hört man die Stimme eines Radiomoderators, der einen anrufenden Hörer nach seinem Musikwunsch fragt. Dieser antwortet in einem langen Redeschwall (leider sehr leise und praktisch nicht zu verstehen), worauf der Moderator ihm Camp Hansen mit dem Stück "Autorenmusik" ankündigt, das im wesentlichen aus freien elektronischen (?) Geräuschen und etwas Gitarre besteht.
Nach dem kurzen Monolog "Mitte der Welt" wird es dann immer abgefahrener. "Intermission" klingt wie eine Collage aus verschiedenen Sprach- und Musiksequenzen mit starkem Minimal-Elektronik-Einschlag, "Die Strassen von Sankt" ist ein heftiges elektronisches Klanggewitter mit stakkatohaft wiederholten Textzeilen.
Mit "Tragödie" und noch mehr mit dem abschließenden "Niflheim" verliert die Musik praktisch jede Art von Struktur und wird zu einer reinen Geräuschkulisse. Bei "Tragödie" hört man dazu einen Text über den französischen Rockstar Betrand Cantat, der seine Freundin zu Tode geprügelt haben soll (klingt wie aus der Zeitung vorgelesen), "Niflheim" beginnt zunächst mit der Schilderung der Ermordung von 4500 Sachsen durch die Truppen Karls des Großen und entwickelt sich daraus zu einer Reflexion über zwischenmenschliche Gewalt.
So richtig vergleichbar ist "Keep Music Progressive" eigentlich mit nichts. Allerdings sind gerade in der zweiten Hälfte doch deutliche Einflüsse der deutschen Avantgarde- und Minimalelektronik-Szene der 70er Jahre - frühe Kraftwerk, Cluster, Neu!, Can - zu hören (das Album ist u.a. dem verstorbenen Can-Gitarristen Michael Karoli gewidmet). Zusammen mit den skurrilen Texten ergibt das eine reizvolle Kombination.
(babyblaue-seiten.de)

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released June 30, 2004

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